September 14, 2026

Theorie ist gut, Praxis ist besser. Im Rahmen dieses White Papers wurden Mitarbeiter aus zwei deutschen Universitätskliniken zu ihren Erfahrungen mit automatisierten Medikamentenschränken interviewt. Ihre Berichte zeigen: Cabinets liefern, was sie versprechen – wenn die Einführung gut geplant ist.

Die Ausgangslage: Zwei Kliniken, ein Ziel

  Universitätsklinik A Universitätsklinik B
Anzahl Cabinets Vier unabhängige Cabinets Fünf unabhängige Cabinets
Standorte OP, Anästhesie, Intensivstation OP, Intensivstation, Aufwachraum
Verwendung Betäubungsmittel + weitere geplant Betäubungsmittel

Phase 1: Die Entscheidung

In beiden Universitätskliniken kam die Idee im Rahmen eines Neubaus auf – einmal Klinikneubau, einmal OP-Neubau. In Klinik A kam der Vorschlag von der Apothekenleitung, in Klinik B aus mehreren Abteilungen.

Hauptgründe für die Anschaffung:

  1. Erwartete Entlastung der Pflegekräfte
  2. Erhöhung der Sicherheit
  3. Modernisierung des Medikationsmanagements

Bemerkenswert: Ökonomische Betrachtungen waren nicht ausschlaggebend. Es ging primär um Qualität und Sicherheit.

Erfolgsfaktoren:

  • Vorteilhafter Zeitpunkt (Neubauplanung)
  • Unbürokratische Strukturen
  • Digitalisierungsaffinität im Vorstand

Phase 2: Die Vorbereitung

Schritt-für-Schritt-Plan beider Kliniken

  1. Größen- und Volumenauswahl der Cabinets
  2. Beschaffungsabteilung mit Einkauf beauftragt
  3. Projektplan mit Hersteller (Zeitplan, To-Dos)
  4. IT-Vorbereitung:
    1. Anpassung Schnittstellen
    2. Einrichten verschiedener User-Rollen (End User, Key User, SysAdmins, Admins)
    3. Testbetrieb
  5. SOP-Erstellung für Anforderung, Befüllung, Entnahme, Fehlermeldungen
  6. Schulung der Key User (diese schulen End User)
  7. Inbetriebnahme:
    1. Klinik A: bei 70 % geschultem Personal
    2. Klinik B: innerhalb von 4 Stunden mit Patientenumzug

Lessons Learned : Ein intensiver, früher Dialog mit dem Hersteller zum Abgleich von technischen Gegebenheiten mit Anforderungen von Aufsichtsbehörden und Datenschutz sowie eine großzügige Zeitplanung für Schulungen sind für eine reibungslose Einführung von Vorteil.

Phase 3: Die tägliche Nutzung

Der Medikationsworkflow heute

Schritt Klinik A Klinik B
Anforderung wöchentlich automatisch manuell
Verordnung digital + Papier (Schichtleitung) digital + Papier
Befüllung Apothekenpersonal Pflegeleitung Anästhesie
Entnahme

Fingerabdruck/Code
Patientenauswahl
Medikament
Bestandsprüfung

gleich
Verabreichung Papierdokumentation Papierdokumentation
Warum noch Papier? Aus regulatorischen Gründen dürfen Betäubungsmittelrezepte derzeit nicht elektronisch ausgestellt werden. Die Integration ins E-Rezept ist jedoch geplant.

Phase 4: Die Auswirkungen

Was die Mitarbeiter berichten

Positive Effekte:

  • Einfache Führung und Handhabung – auch in Notfallsituationen
  • Zeitersparnis für Stationspersonal (trotz längerer Laufwege)
  • Enge Zusammenarbeit zwischen Station und Apotheke
  • Hohe Sicherheit durch lückenlose Dokumentation
  • Automatische Ablaufdatumprüfung und Chargennachverfolgung
  • Wenig Fehlbestellungen
  • Einfache Falldokumentation

Konkrete Zahlen:

  • Entnahme dauert unter 10 Sekunden
  • Versehentliche Fehler werden schneller erkannt
  • BTM sind besser gegen Missbrauch geschützt

Phase 5: Optimierungen im laufenden Betrieb

 Anpassungen, die in beiden Kliniken vorgenommen wurden:
  1. Regulatorische Anpassungen: Cabinets unter 1.000 kg fest verankert
  2. Bestandsprüfung bei Tropfen: Nicht bei jeder Entnahme, sondern bei leeren Flaschen
  3. Medikamentenauswahl: in den ersten Monaten optimiert
  4. Expansion geplant: Erweiterung auf weitere Standorte

Zukünftiges Verbesserungspotential: Die Sicherheit könnte durch eine Verknüpfung der Cabinet-Software mit der Patientenakte zusätzlich erhöht werden – Diskrepanzen zwischen entnommenen und tatsächlich verabreichten Medikamenten würden automatisch gemeldet.

Die Stimmung im Team: Von Skepsis zu Begeisterung

Nach der Eingewöhnungsphase nahm das Stationspersonal in beiden Kliniken die Umstellung mit „Begeisterung" auf. Anfangs skeptische Stimmen wurden überzeugt durch:

  • Erreichte Zeitersparnis
  • Durchgehend gut funktionierende Prozesse
  • Ausbleiben negativer Ereignisse 

Das Apothekenpersonal einer Klinik sieht positiv, dass es stärker in die Medikationsprozesse auf Station eingebunden ist – der zeitliche Mehraufwand wird durch zusätzliches Personal kompensiert.

Die wichtigsten Herausforderungen

Herausforderung Empfehlung
Regulatorische Anforderungen an BTM-Lagerung Frühzeitige Abstimmung mit Behörden
Schulungen im Schichtbetrieb Zeitlichen Vorlauf großzügig planen
Datenschutz bei biometrischen Daten Datenschutzbeauftragten früh einbinden
Bestandsdokumentation flüssiger Medikamente (Tropfen) Reduzierte Prüfintervalle definieren
Noch keine komplett digitalisierte Medikationskette Schrittweise Integration anstreben